Das Wichtigste in Kürze:
- Selenskyj verlangt Entschädigungsfonds
- Ratingagentur Moody’s stuft Ukraine weiter herab
- Moskau meldet „vollständige Einnahme“ des Asow-Stahlwerks
- Angriff auf Kulturzentrum in Losowa
- Italien legt Friedensplan vor
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat einen Fonds vorgeschlagen, um von Russland angegriffene Staaten zu entschädigen. Gemeinsam mit Partnerländern müsse ein Mechanismus entwickelt werden, damit „jeder, der unter Russlands Handeln gelitten hat“, einen Ausgleich für seine Verluste erhalte, sagte Selenskyj in einer Videoansprache. Dies könne in einem multilateralen Abkommen geregelt werden.
Der Präsident schlug vor, russisches Kapital und Eigentum im Ausland einzufrieren und es dem Fonds zuzuführen. „Das wäre gerecht“, sagte er. Russland würde so das „wahre Gewicht jeder Rakete, jeder Bombe, jedes Projektils zu spüren bekommen“. Die russische Armee war vor drei Monaten in das Nachbarland einmarschiert. Die Kriegsschäden in der Ukraine betragen Schätzungen zufolge schon jetzt mehrere Hundert Milliarden Euro.
Moody’s: Staatsverschuldung womöglich „untragbar“
Die US-Ratingagentur Moody’s stufte derweil die Kreditwürdigkeit des Landes erneut herab, verbunden mit einem negativen Ausblick. Das jetzt erreichte Ramsch-Niveau Caa3 ist demnach nicht stabil; Gläubigern in der Privatwirtschaft drohten Verluste. Trotz umfangreicher finanzieller Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft bestehe die Gefahr, dass sich die stark gestiegene ukrainische Staatsverschuldung als „mittelfristig untragbar“ erweise, erklärte Moody’s.
Lange die letzte Bastion des Widerstands: Asow-Stahlwerk in Mariupol (Bild der russischen Staatsagentur TASS)
Moskau meldet „vollständige Einnahme“ des Asow-Stahlwerks
Die Militärführung in Moskau verbucht nach eigener Darstellung einen symbolträchtigen Erfolg in der strategisch wichtigen Hafenstadt Mariupol. Das russische Verteidigungsministerium meldete die „vollständige“ Einnahme des Asow-Stahlwerks. Eine letzte Gruppe von mehr als 500 feindlichen Soldaten habe sich ergeben. Präsident Wladimir Putin sei über das Ende des Einsatzes informiert worden, hieß es.
Am Freitag hatten die auf dem Industriegelände verbliebenen Kämpfer des Asow-Regiments erklärt, sie hätten aus Kiew den Befehl erhalten, die Verteidigung von Mariupol einzustellen. Das weitläufig untertunnelte Stahlwerk galt als letzte Bastion des Widerstands in der belagerten Stadt; zahlreiche russische Soldaten waren dadurch über Wochen hinweg gebunden. In den vergangenen Tagen wurden wiederholt Kämpfer – viele mit Verwundungen – von dort in russische Gebiete gebracht. Während die ukrainische Seite von einer Rettungsaktion sprach, bezeichnete Moskau die Soldaten als Kriegsgefangene.
Angriff auf Kulturzentrum
In anderen Landesteilen gehen die Gefechte weiter. Bei einem Angriff russischer Truppen auf ein Kulturzentrum in Losowa südlich von Charkiw wurden nach ukrainischen Angaben mindestens acht Menschen verletzt. Im weiter östlich gelegenen Donbass erzielte Moskau nach eigener Aussage weitere Geländegewinne.
Eine Frau, die in Cannes auf den roten Teppich gestürmt war, wird abgeführt
Um auf mutmaßliche Sexualverbrechen durch russische Soldaten in der Ukraine aufmerksam zu machen, stürmte eine Frau beim Filmfestival im französischen Cannes auf den roten Teppich. Mit nacktem, in den ukrainischen Nationalfarben Blau und Gelb bemaltem Oberkörper rief sie auf Englisch: „Hört auf, uns zu vergewaltigen!“ Sicherheitskräfte führten die Frau ab. Menschenrechtsorganisationen beschuldigen die russische Armee, Vergewaltigungen systematisch als „Kriegswaffe“ einzusetzen.
Italien legt Friedensplan vor
Die italienische Regierung hat den Vereinten Nationen (UN) einen Plan vorgelegt, um mit Hilfe einer internationalen Vermittlergruppe der UN, der EU und der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) den Krieg zu beenden. Ziel sei es, am Ende einen „dauerhaften Frieden“ zu erreichen, sagte Italiens Außenminister Luigi Di Maio.
Ziel eines „dauerhaften Friedens“: Italiens Außenminister Luigi Di Maio
Dem Vorschlag zufolge könnte die Ukraine zwar der EU, nicht aber der NATO beitreten. Die von Russland annektierte Halbinsel Krim und der zu Teilen von prorussischen Separatisten kontrollierte Donbass hätten „volle Autonomie“, stünden jedoch unter ukrainischer Souveränität.
Kreml erklärt Chodorkowski zum „Agenten“
Russland hat den ehemaligen Ölmagnaten Michail Chodorkowski und Ex-Schachweltmeister Garri Kasparow als „ausländische Agenten“ eingestuft. Das Justizministerium in Moskau teilte zur Begründung mit, beide seien an politischen Aktivitäten beteiligt und würden dabei von der Ukraine und den USA finanziert.
Nach der Haft ins Exil: Ex-Ölmagnat Michail Chodorkowski (Archivbild)
Die russischen Behörden waren wiederholt gegen Chodorkowski vorgegangen. Der 58-Jährige war früher Chef des russischen Staatskonzerns Yukos. Nach seinem Bruch mit Kremlchef Wladimir Putin saß er von 2003 bis 2013 in Haft. Dann wurde er begnadigt und durfte das Land verlassen. Ebenso wie Kasparow, der inzwischen in den USA lebt, hat er den russischen Einmarsch in das Nachbarland mehrfach öffentlich kritisiert. Die Einstufung als „ausländischer Agent“ verpflichtet Einzelpersonen und Organisationen, ihre Veröffentlichungen entsprechend zu kennzeichnen und ihre Geldflüsse offenzulegen.
jj/wa (dpa, afp, rtr)
Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.