Das Wichtigste in Kürze:
- Selenskyj hält Russland Kriegsverbrechen vor
- Aktivistin unterbricht TV-Nachrichten von „Kanal 1“
- Welternährungsprogramm sieht Hungerkrise kommen
- USA warnen China vor Unterstützung Russlands
- NASA bekräftigt Zusammenarbeit mit Roskosmos
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj will die Schuldigen für die Kriegshandlungen in seinem Land ohne Nachsicht zur Rechenschaft ziehen. „Jeder, der für den Krieg verantwortlich ist. Jeder, der für die Zerstörung der Demokratie verantwortlich ist. Jeder, der für Repressionen gegen Menschen verantwortlich ist. Jeder bekommt eine Antwort“, sagte Selenskyj in einer neuen Videobotschaft. Das russische Militär sei definitiv verantwortlich für Kriegsverbrechen, für eine „bewusst geschaffene humanitäre Katastrophe“ in ukrainischen Städten. Russland beginne zu erkennen, dass es mit dem Krieg nichts erreichen werde. „Einen solchen Widerstand hatten sie nicht erwartet.“
Die russischen Soldaten rief Selenskyj auf, die Waffen niederzulegen. Aus abgehörten Telefonaten mit ihren Familien zuhause wisse man, was viele „wirklich über diesen Krieg“ denken. „Ich weiß, ihr wollt überleben.“ Er sei jenen Russen dankbar, „die nicht aufhören, die Wahrheit zu sagen“, erklärte Selenskyj unter Verweis auf Anti-Kriegs-Proteste in Russland.
Kriegsgegnerin kapert Staats-TV
Eine Kriegsgegnerin hat im russischen Staatsfernsehen für eine Unterbrechung der abendlichen Hauptnachrichtensendung gesorgt. Während der Live-Übertragung sprang die Frau plötzlich hinter der Studiomoderatorin ins Bild und hielt ein Plakat mit der Aufschrift hoch: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet ihr belogen.“ Dazu rief sie mehrmals laut: „Nein zum Krieg, Nein zum Krieg, Nein zum Krieg!“ Anschließend brach die Übertragung ab und es wurden Bilder aus einem Krankenhaus gezeigt. Der Videoausschnitt verbreitete sich umgehend in sozialen Netzwerken.
Informationsquelle für viele Millionen Russen: „Kanal 1“
Bei der Aktivistin soll es sich um eine Mitarbeiterin des betroffenen „Kanal 1“ handeln. Ihre Mutter stamme aus Russland, ihr Vater aus der Ukraine, hieß es. Sie sei festgenommen worden. In Russland ist es Medien verboten, den russischen Einmarsch in die Ukraine als „Krieg“ zu benennen. Stattdessen ist offiziell von einer „militärischen Spezialoperation“ die Rede.
Guterres richtet Appell an Putin
UN-Generalsekretär António Guterres hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu ernsthaften Verhandlungen zur Beendigung des Krieges in der Ukraine aufgerufen. Der von Russland begonnene Krieg werde zum absoluten Alptraum, erklärte Guterres in New York. „Wir brauchen Frieden jetzt“, sagte er. Guterres verurteilte insbesondere Angriffe auf Zivilisten, Wohngebäude, Schulen, Krankenhäuser und andere zivile Infrastruktur in der Ukraine.
Delegationen Russlands und der Ukraine führen bereits Gespräche über einen Waffenstillstand, allerdings bislang ohne Erfolg. An diesem Dienstag sollen die Verhandlungen fortgesetzt werden, wie der ukrainische Staatschef Selenskyj bestätigte.
Macht sich große Sorgen: António Guterres
Die Möglichkeit eines Atomkrieges wollte Guterres nicht mehr ausschließen. Dass Russland seine Abschreckungswaffen in Bereitschaft versetzt habe, sei eine gruselige Entwicklung. „Die Aussicht auf einen nuklearen Konflikt, einst undenkbar, ist jetzt wieder im Bereich des Möglichen“, meinte der Generalsekretär der Vereinten Nationen.
Ukraine-Krieg führt zu „Schock“ in Afrika
Der Direktor des UN-Welternährungsprogramms (WFP), David Beasley, hat mit drastischen Worten vor einer Hungerkrise globalen Ausmaßes durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine gewarnt. Es drohe ein „schwerer Sturm“. Durch ausbleibende Nahrungsmittelexporte aus Russland und der Ukraine sowie stark steigende Preise erlebten die Länder Nordafrikas zwischen dem Atlantik und dem Roten Meer derzeit einen Schock, sagte Beasley der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Während der Getreidepreissteigerungen 2011 habe es damals in der Region 90 Aufstände in Folge der gestiegenen Brotpreise gegeben. „Jetzt ist es noch schlimmer, denn die Länder sind wegen COVID, wegen der Kriege und des Terrors durch den IS, Al-Kaida und Boko Haram sowie wegen des Klimawandels in einer viel schlechteren Verfassung.“
Ein Feld in der Ukraine – vor kriegsbedingten Rauchschwaden
Beasley fügte hinzu: „Wenn Sie glauben, dass die syrische Flüchtlingskrise ein Problem war – ein Land mit 21 Millionen Menschen – dann denken Sie daran, dass in der weiteren Sahelzone 500 Millionen Menschen leben. Das könnte die syrische Flüchtlingskrise wie ein Picknick im Park aussehen lassen.“ Die paar Millionen Flüchtlinge, die aus der Ukraine kämen, könnten „verblassen gegenüber dem, was aus dem Süden nach Europa zu kommen droht“.
„26 humanitäre Korridore eingerichtet“
Seit Kriegsbeginn sind nach ukrainischen Angaben fast 150.000 Zivilisten aus von russischen Truppen belagerten Gebieten in Sicherheit gebracht worden. „Wir haben 26 humanitäre Korridore eingerichtet“, teilte die Präsidialverwaltung in Kiew mit. Sie gibt es demnach in den Regionen Kiew, Sumy, Charkiw und Saporischschja. Auch in den von pro-russischen Separatisten kontrollierten Regionen Donezk und Luhansk habe es Evakuierungsaktionen gegeben. Die Präsidialverwaltung bestätigte zudem, dass rund 160 Autos von Zivilisten am Montag die von russischen Truppen belagerte Hafenstadt Mariupol verlassen konnten. Mehrere vorausgegangene Versuche, Zivilisten aus Mariupol in Sicherheit zu bringen, waren fehlgeschlagen.
UN-Flüchtlingshilfswerk zieht traurige Bilanz
Bereits 2,8 Millionen Menschen sind seit Kriegsbeginn aus der Ukraine geflüchtet, wie aus einer in Genf veröffentlichten UN-Statistik hervorgeht. Es handelt sich um die größte Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Ursprünglich hatte das Flüchtlingshilfswerk UNHCR die Höchstzahl der möglichen Kriegsflüchtlinge auf vier Millionen geschätzt. Inzwischen geht es davon aus, dass die Zahlen am Ende weit darüber liegen könnten.
Nach einer aktuellen Aufstellung des UNHCR halten sich sechs von zehn ins Ausland geflüchteten Ukrainern – rund 1,7 Millionen Menschen – derzeit in Polen auf. Die deutsche Regierung wurde nach eigener Darstellung von der großen Zahl an Flüchtlingen aus der Ukraine überrascht. Bis Montag kamen mindestens 146.000 Menschen hierzulande an.
Ein Vater verabschiedet seine Kinder am Bahnhof von Lwiw
An Spenden erhielt das UN-Flüchtlingshilfswerk bisher mehr als 200 Millionen Dollar von Firmen, Stiftungen und Einzelpersonen. Mit dem Geld sei es unter anderem möglich gewesen, Luftbrücken und Lastwagen-Konvois zur Unterstützung von Flüchtlingen und Vertriebenen in der Ukraine zu organisieren. Da sich die Krise verschärfe, werde weitere Unterstützung benötigt, sagte UN-Hochkommissar Filippo Grandi. Die Organisation bitte dringend um 510 Millionen Dollar, um den Vertriebenen im Land und den Flüchtlingen in der gesamten Region erste Nothilfe leisten zu können.
Russland nimmt Söldner in Ukraine ins Visier
Das russische Verteidigungsministerium hat weitere Angriffe gegen mutmaßliche Aufenthaltsorte ausländischer Kämpfer in der Ukraine angekündigt. „Wir kennen alle Standorte ausländischer Söldner in der Ukraine. Gegen sie werden weiterhin gezielte Angriffe durchgeführt“, sagte Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow. „Eine Reihe westlicher Länder fördert auf staatlicher Ebene die Teilnahme ihrer Bürger als Söldner der Ukraine an Feindseligkeiten gegen russische Truppen“, behauptete Konaschenkow. Russlands Militär hatte am Sonntag in der Westukraine unweit der polnischen Grenze die Militärbasis Jaworiw attackiert und dabei eigenen Angaben zufolge „bis zu 180 ausländische Söldner“ getötet. Die Führung in Kiew sprach später von „purer russischer Propaganda“. Bei dem Angriff seien 35 Menschen ums Leben gekommen.
Russland kündigte auch Angriffe auf ukrainische Waffenfabriken an. Man werde „Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes der Ukraine außer Gefecht setzen, die Waffen herstellen, reparieren und wiederherstellen, die von Nationalisten für Kriegsverbrechen verwendet werden“. Zivilisten wurden aufgefordert, die Umgebung der Fabriken zu verlassen.
„Intensives“ Gespräch mit Chinas Topdiplomat
Die USA haben sich besorgt über eine „Annäherung“ Chinas an Russland gezeigt. Der Nationale Sicherheitsberater der US-Regierung, Jake Sullivan, war am Montag in einem Hotel in Rom zu einem siebenstündigen Treffen mit dem Chefdiplomaten der Kommunistischen Partei Chinas, Yang Jiechi, zusammengekommen. Das Gespräch wurde als „intensiv“ und „sehr offen“ beschrieben. Sullivan habe Yang verdeutlicht, „dass es erhebliche Konsequenzen geben wird, sollte China militärische oder andere Hilfe leisten, die natürlich gegen Sanktionen verstoßen oder die Kriegsanstrengungen unterstützen“, sagte Jen Psaki, die Sprecherin von US-Präsident Joe Biden.
Mitglieder der chinesischen Delegation in Italiens Hauptstadt Rom
China hatte es wiederholt abgelehnt, Russland für den Krieg in der Ukraine zu verurteilen. Die Freundschaft mit Moskau sei „felsenfest“. Außerdem hatte die Führung in Peking mehrfach die Osterweiterung der NATO kritisiert, die von Russland als einer der Gründe für den Einmarsch in die Ukraine angeführt wird. Gleichwohl zeigt sich China zur Vermittlung bereit.
„Kein Getue“ bei Kooperation auf ISS
Die US-Raumfahrtbehörde NASA ist trotz des Ukraine-Krieges weiterhin zur Zusammenarbeit mit Russland in Hinblick auf die Internationale Raumstation ISS bereit. „Wir arbeiten zusammen, wir arbeiten seit mehr als 20 Jahren zusammen und wir werden das weiter so machen“, sagte der bei der NASA für die ISS zuständige Manager Joel Montalbano. Auch die für Ende März anvisierte Rückkehr des US-Astronauten Mark Vande Hei gemeinsam mit den Kosmonauten Anton Schkaplerow und Pjotr Dubrow in einer russischen Sojus-Raumkapsel werde wie geplant stattfinden. „Wir sind dazu in Kommunikation mit unseren russischen Kollegen, es gibt da kein Getue“, so Montalbano. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos betonte, der sichere Betrieb der ISS habe oberste Priorität. In der Raumstation hält sich derzeit auch der deutsche Astronaut Matthias Maurer auf.
wa/rb (dpa, afp, rtr, kna, epd)
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