Das Wichtigste in Kürze:
- Heftige Gefechte um Großstadt Lyssytschansk im Donbass
- Selenskyj: Russischer Rückzug von Schlangeninsel verbessert Lage
- Außenministerium in Kiew distanziert sich von Melnyk-Äußerung
- Kanada: Gas reicht nur für eine LNG-Exportanlage nach Europa
Lyssytschansk in der Ostukraine stehe unter unablässigem Beschuss, die russischen Truppen rückten aus mehreren Richtungen auf die Großstadt vor, berichtete Regionalgouverneur Serhij Hajdaj. „Man kann ganz einfach sagen, dass die Russen sehr zahlreich sind und von allen Seiten kommen. Es gibt eine unglaubliche Anzahl von Fahrzeugen und Artillerie“, schilderte Hajdaj. Die Lage sei „extrem schwierig“. Angaben pro-russischer Kämpfer, sie beherrschten bereits das halbe Stadtgebiet, wies der Gouverneur aber ausdrücklich zurück.
Lyssytschansk ist die letzte größere Stadt im Gebiet Luhansk unter ukrainischer Kontrolle. Zuletzt konnte sie nur noch über wenige Routen aus dem Westen mit Nachschub versorgt werden. Im benachbarten Donezker Gebiet habe es russische Vorstöße bei Slowjansk und Bachmut gegeben, die zurückgeschlagen werden konnten, teilte der ukrainische Generalstab mit. Derartige Meldungen aus dem Kriegsgebiet lassen sich nur schwer oder meist gar nicht unabhängig überprüfen.
Pro-russische Kämpfer in der Nähe von Lyssytschansk (Foto der russischen Staatsagentur TASS)
„Geschosse aus Sowjetzeiten“ oft im Einsatz
Die Zahl der russischen Raketenangriffe hat sich nach Angaben des ukrainischen Militärs in den vergangenen zwei Wochen mehr als verdoppelt. Dabei setze das russische Militär in über der Hälfte der Fälle ungenaue Geschosse aus Sowjetzeiten ein, berichtete Brigadegeneral Oleksii Hromow. „Der Feind nimmt weiterhin Militäreinrichtungen, kritische Infrastruktur sowie Industrie und Transportnetzwerke ins Visier.“ Wegen der Ungenauigkeit der Angriffe „erleidet die Zivilbevölkerung signifikante Verluste“. Hromow zufolge wurden in der zweiten Juni-Hälfte 202 Raketen auf die Ukraine abgefeuert, ein Anstieg um 120 verglichen mit den ersten zwei Wochen des Monats.
„Verändert die Situation im Schwarzen Meer“
Der russische Rückzug von der Schlangeninsel bringt die Ukraine nach Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj in eine bessere Position. „Die Schlangeninsel ist ein strategischer Punkt, und das verändert erheblich die Situation im Schwarzen Meer“, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache in der Nacht zum Freitag. Die Handlungsfreiheit des russischen Militärs werde dadurch deutlich eingeschränkt, auch wenn dies noch keine Sicherheit garantiere.
Von der Schlangeninsel aus können Teile der ukrainischen Küste und Schifffahrtswege kontrolliert werden. Mit dem Rückzug der Russen von der Insel müsse unter anderem das Gebiet um die Hafenstadt Odessa keine Landung russischer Einheiten mehr befürchten, teilte das ukrainische Militär mit.
US-Satellitenbild der Schlangeninsel im Schwarzen Meer
Das Verteidigungsministerium in Moskau hatte am Donnerstag erklärt, russische Truppen hätten die Schlangeninsel als Zeichen des guten Willens verlassen. Die ukrainische Militär entgegnete, eine Serie von Artillerie- und Luftangriffen habe die Besatzer vertrieben. Die Ukraine sieht das auch als Bestätigung, dass sie mit mehr modernen Waffen militärisch erfolgreich gegen russische Truppen sein kann.
Russland hatte die Schlangeninsel kurz nach dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar besetzt. Damit ist die Rückeroberung der Insel für die Führung in Kiew auch ein symbolischer Erfolg.
Scholz rechnet nicht mit raschem Kriegsende
Bundeskanzler Olaf Scholz hält es für möglich, dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Krieg gegen die Ukraine noch sehr lange fortsetzen kann. Putin habe die Entscheidung, diesen Krieg zu führen, ein Jahr vor dessen Beginn oder noch früher getroffen, sagte der Kanzler in einem Interview des amerikanischen TV-Senders CBS: „Und so wird er in der Lage sein, den Krieg wirklich lange Zeit fortzusetzen“, meinte Scholz.
Botschafter Melnyk hat seine „eigene Meinung“
Das ukrainische Außenministerium distanziert sich von Äußerungen des ukrainischen Botschafters in Deutschland, Andrij Melnyk. „Die Meinung, die (…) Andrij Melnyk in einem Interview mit einem deutschen Journalisten geäußert hat, ist seine eigene und spiegelt nicht die Position des ukrainischen Außenministeriums wider“, hieß es aus Kiew.
Eckte schon häufiger mit Aussagen an: Botschafter Andrij Melnyk (Archivfoto)
In einem Videointerview mit dem Journalisten Tilo Jung hatte der Botschafter bestritten, dass es Beweise für den Massenmord an Juden durch Anhänger des ukrainischen Nationalistenführers Stepan Bandera gibt. „Bandera war kein Massenmörder von Juden und Polen“, sagte Melnyk. Das würde er auch immer wieder bestätigen. Bandera habe lediglich versucht, den Kampf zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion für eine ukrainische Unabhängigkeit auszunutzen, betonte Melnyk. Er wurde für seine Haltung in sozialen Netzwerken heftig kritisiert.
Kanada und USA dämpfen Europas Hoffnungen
Im Ringen um Alternativen zu russischem Erdgas hat Kanadas Umweltminister Steven Guilbeault die Möglichkeiten für Exporte von Flüssiggas unter anderem nach Deutschland präzisiert. Die kanadische Ostküste verfüge über so viel Gas, dass damit derzeit nur eine Anlage für die LNG-Ausfuhr versorgt werden könne, sagte Guilbeault. Der überwiegende Teil der kanadischen Gasproduktion befindet sich in den westlichen Provinzen Alberta und British Columbia. Neue Gaspipelines zu bauen sei nicht sehr realistisch, so der Minister.
Brand in der LNG-Großanlage im texanischen Quintana (Foto vom 8. Juni)
Die für den Export von Flüssiggas aus den USA wichtige LNG-Großanlage des Terminalbetreibers Freeport in Texas bleibt nach einem Brand bis auf Weiteres stillgelegt. Die zuständige Aufsichtsbehörde der US-Regierung stellte fest, dass der Betrieb ohne weitere Korrekturmaßnahmen ein Risiko für die öffentliche Sicherheit darstelle. Die Anlage in Quintana hat laut Analysten eine besonders große Bedeutung für den Export von Flüssiggas nach Europa. Sie ist damit auch ein wichtiger Faktor im Bemühen, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern.
Schlag gegen Oligarch Suleiman Kerimow
Die USA haben das Milliarden-Vermögen eines russischen Oligarchen eingefroren. US-Ermittler hätten das im Bundesstaat Delaware ansässige Unternehmen Heritage Trust dem russischen Milliardär Suleiman Kerimow zugeordnet und beschlagnahmt, erklärte das Finanzministerium in Washington.
Bereits kürzlich beschlagnahmt: die Superjacht Amadea, die ebenfalls Kerimow zugeordnet wird
Kerimow steht bereits seit 2018 wegen Geldwäschevorwürfen und seiner Verbindungen zur russischen Regierung auf US-Sanktionslisten. Er stammt aus der russischen Republik Dagestan im Kaukasus und stieg nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einem der reichsten Menschen der Welt auf. Seine Familie kontrolliert unter anderem den Goldproduzenten Polyus.
wa/fw (dpa, afp, rtr)
Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.