Das Wichtigste in Kürze:
- Polen bestätigt den Einschlag einer „Rakete aus russischer Produktion“
- Moskau dementiert jegliche Verantwortung
- Erhöhte Alarmbereitschaft für polnische Armee
- Krisentreffen bei G20-Gipfel
- NATO-Botschafter beraten auf einer Dringlichkeitssitzung
Beim Einschlag des Geschosses in dem Dorf Przewodów nahe der Grenze zur Ukraine seien am Dienstagnachmittag zwei Menschen getötet worden, sagte ein Sprecher des polnischen Außenministeriums. Der russische Botschafter in Warschau sei einbestellt worden, um „sofort detaillierte Erklärungen“ für den Vorfall zu liefern. Einheiten der polnischen Armee und andere uniformierte Dienste sind in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden.
Dieses Foto aus Polen zeigt eine Rauchsäule an der Grenze zur Ukraine – ob es sich dabei wirklich um ein Bild von dem mutmaßlichen Raketeneinschlag handelt, kann nicht überprüft werden
Mit der Herkunft der Rakete ist allerdings noch nicht geklärt, welches Land sie eingesetzt hat. Sowohl die Ukraine als auch Russland verwenden Raketen sowjetischer Konstruktion. „Wir wissen, dass es praktisch den ganzen Tag über einen russischen Raketenangriff auf die Ukraine gegeben hat“, sagte Polens Präsident Andrzej Duda am frühen Morgen. „Aber wir haben derzeit keine eindeutigen Beweise dafür, wer die Rakete abgefeuert hat. Die Ermittlungen laufen.“
Moskau weist jede Verantwortung zurück
Das russische Verteidigungsministerium bezeichnet alle Berichte über den angeblichen Einschlag in Polen als „gezielte Provokation“. Es seien keine Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen worden, heißt es in Moskau.
Am Abend hatte Ministerpräsident Mateusz Morawiecki den Sicherheitsrat zu einer mehrstündigen außerordentlichen Sitzung einberufen. Danach kündigte er eine verstärkte Überwachung des polnischen Luftraums an. Außerdem prüfe Polen, ob ein Treffen auf Basis von Artikel 4 des NATO-Vertrags beantragt werden solle. Der Artikel besagt, dass die Mitglieder des Militärbündnisses einander konsultieren, wenn etwa die Sicherheit eines Mitglieds bedroht ist.
Dringlichkeitssitzung der NATO-Botschafter
Die NATO hat für diesen Mittwoch bereits eine Dringlichkeitssitzung auf Ebene der Botschafter einberufen. NATO-Generalsekretär Stoltenberg werde die Beratungen leiten, „um diesen tragischen Vorfall zu besprechen“, sagte eine Sprecherin. Zuvor hatte Stoltenberg vor übereilten Reaktionen gewarnt. „Wichtig ist, dass alle Tatsachen festgestellt werden“, schrieb Stoltenberg nach einem Telefonat mit dem polnischen Präsidenten Andrzej Duda auf Twitter: „Die NATO beobachtet die Situation, und die Bündnispartner stimmen sich eng ab.“
Ähnlich zurückhaltend äußerte sich die US-Regierung. Man werde „klären, was passiert ist und was die angemessenen nächsten Schritte wären“.
Der Krieg schwappt über
Die Explosion in dem Grenzdorf ist der erste derartige Vorfall in dem seit fast neun Monaten dauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Przewodów liegt etwa 60 Kilometer Luftlinie von der westukrainischen Stadt Lwiw entfernt, die auch Ziel russischer Angriffe war.
Polen, ein Nachbarland der Ukraine, ist Mitglied der EU und des westlichen Verteidigungsbündnisses NATO. Entsprechend besorgt wird die Lage von den USA, der NATO und der EU verfolgt. Staatsoberhaupt Andrzej Duda sprach mit US-Präsident Joe Biden, NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj.
Krisentreffen bei G20-Gipfel
Am Rande des G20-Gipfels auf Bali hatte US-Präsident Joe Biden zu einem Krisentreffen gerufen. An den Gesprächen hinter verschlossenen Türen nahmen neben Bundeskanzler Olaf Scholz auch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez, der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte sowie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident Charles Michel teil.
Nach Einschätzung der USA ist die Rakete vermutlich nicht aus Russland abgefeuert worden. „Ich werde dafür sorgen, dass wir genau herausfinden, was passiert ist“, sagte US-Präsident Joe Biden anschließend. Nach den derzeit vorliegenden Informationen sei es „unwahrscheinlich“, dass die Rakete von russischem Boden aus abgeschossen worden sei.
rb/cw (AFP, AP, dpa, Reuters)
Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.