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Ukraine aktuell: Kiew will Panzer vom Kanzler

 

Das Wichtigste in Kürze:

  • Selenskyj fordert von Scholz eine eindeutige Positionierung
  • Kriegsziel: Rückeroberung der Krim
  • Sämtliche Brücken in Sjewjerodonezk zerstört
  • Ukraine büßt ein Viertel ihrer Äcker ein
  • Separatisten in Donezk unter heftigem Beschuss

 

„Wir brauchen von Kanzler (Olaf) Scholz die Sicherheit, dass Deutschland die Ukraine unterstützt. Er und seine Regierung müssen sich entscheiden“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj im ZDF-„heute-journal“. Er beklagte die Zögerlichkeit Deutschlands bei Waffenlieferungen und brachte erneut die Lieferung moderner Luftabwehrsysteme ins Spiel. Seit der russischen Invasion im Februar seien ukrainische Städte von gut 2600 feindlichen Raketen getroffen worden, sagte Selenskyj. „Das sind Leben, die hätten gerettet werden können, Tragödien, die hätten verhindert werden können – wenn die Ukraine erhört worden wäre.“

Ein Präsidentenberater in Kiew hat den militärischen Bedarf insgesamt auf 1000 schwere Artilleriegeschütze (Haubitzen), 300 Mehrfachraketenwerfer, 500 Panzer, 2000 gepanzerte Fahrzeuge und 1000 Drohnen beziffert. Der ukrainische Botschafter in Berlin, Andrij Melnyk, fordert von Scholz die Zusage von Leopard-Kampfpanzern und Marder-Schützenpanzern.

Scholz zeigt sich verärgert

Der Kanzler weist den Vorwurf der Zögerlichkeit zurück. Für die teils sehr modernen und komplizierten Waffensysteme sei eine Ausbildung für die ukrainischen Streitkräfte erforderlich, sagte Scholz. „Es geht um richtig schweres Gerät. Das muss man benutzen können, dafür muss man trainiert werden, das findet in der Bundesrepublik Deutschland gegenwärtig statt.“ Alle versprochenen Waffen würden geliefert.

Kanzler Olaf Scholz steht im Bundeskanzleramt vor der Presse

Bundeskanzler Olaf Scholz steht im Bundeskanzleramt vor der Presse

Auch auf die Kritik am Tempo reagierte Scholz verärgert: „Ich glaube, dass es wirklich eine gute Sache wäre, wenn der eine oder andere noch mal kurz überlegt, bevor er seine Meinung zu dem einen oder anderen Thema äußert.“

Selenskyj verspricht Rückeroberung der Krim

Präsident Selenskyj hat seinen Landsleuten eine Rückeroberung der von Russland annektierten Halbinsel Krim versprochen. „Die ukrainische Flagge wird wieder über Jalta und Sudak, über Dschankoj und Jewpatorija wehen“, sagte er in seiner täglichen Videobotschaft. „Natürlich werden wir auch unsere Krim befreien.“ Selenskyj hat immer eine Rückkehr der Halbinsel verfochten, dies aber selten so nachdrücklich als Kriegsziel formuliert.

Infografik/Karte - Strategische Bedeutung Mariupols - DE

Russland hatte die Halbinsel im Schwarzen Meer 2014 militärisch besetzt, als die Ukraine nach einem Machtwechsel geschwächt war und keinen Widerstand leisten konnte. Dann wurde ein international nicht anerkanntes Referendum abgehalten und die Krim Russland angegliedert.

Sjewjerodonezk von der Außenwelt abgeschnitten

Die seit Wochen umkämpfte Stadt Sjewjerodonezk im Osten der Ukraine ist nach der Zerstörung der dritten und letzten Brücke über den Fluss Siwerskyj Donezk nahezu vollständig von russischen Truppen eingekreist. „Es ist jetzt leider völlig unmöglich, in die Stadt zu fahren oder etwas in die Stadt zu liefern“, sagte Gouverneur Serhij Hajdaj. „Eine Evakuierung ist unmöglich.“

Sjewjerodonezk unter Beschuss

Sjewjerodonezk unter Beschuss

Nur das ukrainische Militär habe noch einen begrenzten Zugang zur Stadt. „Sie haben die Möglichkeit, Verwundete in Krankenhäuser zu bringen“, sagte Hajdaj. „Es ist schwierig, Waffen oder Reserven zu liefern. Schwierig, aber nicht unmöglich.“

Für Präsident Selenskyj wird die Schlacht um den östlichen Donbass als eine der brutalsten in die europäische Geschichte eingehen. „Für uns ist der Preis für diese Schlacht sehr hoch. Es ist einfach beängstigend“, sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft. „Wir machen unsere Partner täglich darauf aufmerksam, dass nur eine ausreichende Anzahl moderner Artillerie unseren Vorteil sichern wird.“

Ukraine hat ein Viertel ihrer Aussaatfläche verloren

Als international wichtiger Agrarproduzent hat die Ukraine seit dem russischen Angriff rund ein Viertel ihrer landwirtschaftlichen Nutzfläche eingebüßt. In diesem Jahr könne nur noch genug angepflanzt werden, um die Nahrungsmittelsicherheit der eigenen Bevölkerung zu gewährleisten, sagte der stellvertretende ukrainische Landwirtschaftsminister Taras Wyssozkyj. Zumal der Bedarf aufgrund von „Massenvertreibungen“ und Abwanderung ins Ausland stark gesunken sei.

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Im Libanon wird das Mehl knapp

Die Landwirte würden nicht nur durch den Krieg in ihrer Arbeit behindert. Wegen der Exportblockade gehe auch der Anbau exportorientierter Feldfrüchte zurück, sagte Wyssozkyj. Die Ausfuhr von Getreide über die ukrainischen Schwarzmeerhäfen ist wegen des Krieges derzeit nicht möglich. Dadurch ist nach Einschätzung der Vereinten Nationen die Nahrungsmittelversorgung insbesondere in ärmeren Ländern bedroht.

Separatisten in Donezk melden heftigen ukrainischen Beschuss

Die von Russland gelenkten Separatisten in Donezk haben vom angeblich heftigsten ukrainischen Beschuss auf die Stadt seit Beginn des Krieges berichtet. „Vier Menschen wurden getötet, darunter ein Kind, und 22 weitere Zivilisten wurden bei den Bombardements verletzt“, erklärten die pro-russischen Behörden der selbsternannten Volksrepublik Donezk. Unabhängig sind diese Berichte nicht überprüfbar.

Der Führer der selbsternannten Volksrepublik Donezk, Denis Pushilin

Der Führer der selbsternannten Volksrepublik Donezk, Denis Pushilin

Die ukrainische Armee habe die Stadt „in einer beispiellosen Stärke, Intensität und Dauer“ beschossen, heißt es weiter. Der Donezker Separatistenführer Denis Puschilin warf den ukrainischen Truppen vor, mit der „Bombardierung von Wohngebieten“ „alle Grenzen überschritten“ zu haben. Es müssten nun „zusätzliche verbündete Kräfte, auch aus der Russischen Föderation, mobilisiert werden“, um Donezk zu verteidigen.

rb/ww (AFP, AP, dpa, epd, KNA, Reuters)

Dieser Artikel wird am Tag seines Erscheinens fortlaufend aktualisiert. Meldungen aus den Kampfgebieten lassen sich nicht unabhängig überprüfen.