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Ukraine aktuell: Heftigste russische Angriffswelle seit Monaten

 

Das Wichtigste im Überblick:

  • Luftalarm in der ganzen Ukraine
  • Ukraine stoppt Stromexporte
  • Westen verurteilt russische Angriffswelle
  • Pentagon kündigt Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe an
  • Lukaschenko kündigt gemeinsame Truppe mit Russland an

 

Die Hauptstadt Kiew und „viele“ andere Städte der Ukraine sind von Angriffen erschüttert worden. Der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, erklärte, aus „vielen“ Städten seien Angriffe gemeldet worden. Russland hat nach ukrainischen Angaben weit über 80 Raketen auf die Ukraine abgefeuert. Die ukrainischen Streitkräfte hätten davon allein bis um 11.35 Uhr mindestens 43 Raketen abgeschossen, teilt die stellvertretende Verteidigungsministerin Hanna Maljar mit.

In Kiew kam es im Zentrum zu schweren Explosionen. Bürgermeister Witali Klitschko forderte über Telegram die Bewohner auf, Schutz zu suchen. „Nehmen Sie warme Kleidung, Wasser, einen Vorrat an Lebensmitteln und Ladegeräte für Telefone mit“, appellierte er. Die U-Bahn befördere derzeit keine Fahrgäste – in Kiew fungieren die Metrostationen als Schutzbunker. In sozialen Netzwerken waren Rauchwolken zu sehen. 

Autos brennen nach dem Raketenbeschuss in der Hauptstadt der Ukraine

Es sind die ersten Angriffe seit Juni auf Kiew – Autos brennen nach dem Raketenbeschuss

„Ein massiver Raketenangriff auf das Gebiet, es gibt Tote und Verletzte“, teilte der Militärgouverneur der Region Dnipropetrowsk um die Industriestadt Dnipro, Walentyn Resnitschenko, auf seinem Telegram-Kanal mit. Resnitschenko rief die Bewohner des Gebiets dazu auf, in den Bombenschutzkellern zu bleiben. Getroffen wurden Berichten zufolge nicht nur die Gebietshauptstadt Dnipro, sondern auch die Städte Nikopol und Marhanez, die dem Atomkraftwerk Saporischschja gegenüber am anderen Ufer des Flusses Dnipro liegen. 

Ukraine Krieg mit Russland Raketen auf Kiew

Notfallmäßig versorgte Verletzte in Kiew nach den russischen Angriffen

Die Zahl der bei den Angriffen seit Montagmorgen landesweit getöteten Menschen beziffert der ukrainische Zivilschutz mit mindestens elf, mindestens  87 Personen wurden verletzt. Allein in Kiew kamen nach Angaben von Bürgermeister Klitschko fünf Menschen ums Leben, 52 wurden verletzt.

Attacken auch auf Städte in Westukraine

Über Einschläge berichten auch die Behörden von Lwiw, Chmelnyzkyj und Schytomyr.  „Im Gebiet Chmelnyzkyj sind Explosionen zu hören. Die Flugabwehr ist im Einsatz“, teilte der dortige Gouverneur, Serhij Hamalij, mit. Zu möglichen Opfern machte er keine Angaben. Medien berichten zudem von Explosionen in Schytomyr. Beide Regionen liegen westlich von Kiew. Auch in der westukrainischen Großstadt Lwiw seien schwere Explosionen zu hören, teilte der Bürgermeister Andrij Sadowyj mit. In mehreren Stadtteilen sei der Strom ausgefallen. 

Rauchwolken über der westukrainischen Stadt Lwiw

Raketenangriffe auch auf die westukrainische Stadt Lwiw

Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland versuche mit den Raketenangriffen, die Ukraine zu vernichten. Die Energieinfrastruktur der Ukraine sei ins Visier genommen worden, sagte Selenskyj in einer Videobotschaft, die ihn vor seinem Präsidialamt in Kiew zeigt.

Ukraine stoppt Stromexporte

Das ukrainische Energieministerium gibt einen Stopp der Stromexporte bekannt und macht dafür russische Raketenangriffe auf die kritische Infrastruktur des Landes verantwortlich. Der Export-Stopp sei notwendig, um das eigene Stromnetz stabilisieren zu können, heißt es in einer Mitteilung auf der Website des Ministeriums. Die eigene Bevölkerung wurde zum Energiesparen aufgerufen. Der Vertreter des ukrainischen Präsidenten im Parlament, Andrij Herus, warnte vor einem „der schwersten Abende“ für die ukrainische Energieversorgung. In einigen Regionen werde es gar keinen Strom geben, in anderen werde nach Plan für eine gewisse Zeit der Strom abgestellt.

Die jüngsten russischen Raketenangriffe trafen viele Objekte der Energieinfrastruktur in der Ukraine. In Kiew wurde unter anderem das Wärmekraftwerk beschossen, auch aus anderen Regionen wurde der gezielte Beschuss von Kraft- und Umspannwerken gemeldet.

Westen verurteilt russische Angriffswelle

Die großangelegten russischen Angriffe auf ukrainische Städte sorgen in westlichen Staaten für Empörung. US-Präsident Joe Biden sagte, sie zeigten einmal mehr „die äußerste Brutalität des illegalen Krieges“ von Kremlchef Wladimir Putin gegen das ukrainische Volk. Die Angriffe bestärkten die US-Regierung darin, dem ukrainischen Volk beizustehen, so lange es nötig sei. US-Außenminister Antony Blinken versicherte seinem Amtskollegen Dmytro Kuleba in einem Telefonat die „unerschütterliche wirtschaftliche, humanitäre und sicherheitspolitische Hilfe“ der US-Regierung.

„Die vorsätzlichen Angriffe Russlands auf dem gesamten Territorium der Ukraine und gegen Zivilisten stellen eine tiefgreifende Veränderung in der Natur dieses Krieges dar“ sagte der französische Präsident Emmanuel Macron laut Medienberichten bei einem Besuch in Château-Gontier. Er werde sich in Paris mit seinen diplomatischen und militärischen Beratern treffen, um eine Bestandsaufnahme der Situation vorzunehmen.

Der niederländische Premier Mark Rutte nannte die jüngsten russischen Angriffe Terrorismus: „Dies ist keine Vergeltung, dies ist Terrorismus“. Die Angriffe hätten das „überdeutliche Ziel“, auch unschuldige Bürger zu treffen.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock äußerte sich auf Twitter schockiert: „Es ist niederträchtig (und) durch nichts zu rechtfertigen, dass Putin Großstädte und Zivilisten mit Raketen beschießt.“ Der Ukraine sicherte sie schnelle Hilfe bei der Luftverteidigung zu. Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht kündigte für die nächsten Tage konkret die Lieferung des ersten von vier hochmodernen Iris-T SLM Luftverteidigungssystemen in der Ukraine an. Die restlichen drei Systeme folgten im kommenden Jahr.

ILA - Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin

Das in Deutschland entwickelte Iris-T SLM-Luftverteidigungssytem auf der ILA in Berlin

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg nannte die Angriffe auf zivile Ziele in der Ukraine „entsetzlich“ und „rücksichtslos“. Die NATO werde das tapfere ukrainische Volk weiterhin unterstützen, sich gegen die Aggression des Kremls zu wehren, solange es nötig sei, so Stoltenberg weiter.

Die EU-Kommission verurteilte den schweren russischen Raketenbeschuss als abscheulich. „Es handelt sich um barbarische und feige Angriffe“, sagte ein Sprecher. Sie seien ein Verstoß gegen das Völkerrecht und eine weitere Eskalation des Krieges, die völlig inakzeptabel sei. Der Außenbeauftragte Josep Borrell erklärte, solche Handlungen hätten im 21. Jahrhundert nichts zu suchen. Zusätzliche militärische Unterstützung durch die EU sei auf dem Weg.

Mehrere europäische Staatschefs führten seit Beginn der Angriffswelle Telefonate mit Präsident Wolodymyr Selenskyj und sicherten ihm Unterstützung zu. Kiews Außenminister Dmytro Kuleba teilte auf Twitter mit, die Ukraine bemühe sich um eine harte Antwort der Vereinten Nationen auf die jüngsten russischen Raketenangriffe.

Pentagon kündigt Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe an

US-Verteidigungsminister Lloyd Austin will am Rande des NATO-Treffens in Brüssel mit Dutzenden Kolleginnen und Kollegen im Rahmen der internationalen Ukraine-Kontaktgruppe zusammenkommen. An dem Treffen am Mittwoch mit Austin und US-Generalstabschef Mark Milley sollen Vertreter aus fast 50 Staaten teilnehmen, wie das Pentagon mitteilte. Es handle sich um die sechste Sitzung der neuen Gruppe – und das vierte persönliche Treffen. Die sogenannte Ukraine-Kontaktgruppe besteht seit Ende April. Über sie werden vor allem Waffenlieferungen für die ukrainischen Streitkräfte koordiniert. Neben den USA gehören zum Beispiel auch Deutschland und Großbritannien der Gruppe an.

Putin droht mit einer noch härteren „Antwort“

Kremlchef Wladimir Putin hat die Raketenangriffe Moskaus gegen zahlreiche ukrainische Städte als Reaktion auf die „Terroranschläge“ gegen russisches Gebiet bezeichnet. Zugleich drohte der russische Präsident Kiew bei einer Sicherheitsratssitzung mit einer noch härteren „Antwort“, sollten die „ukrainischen Angriffe“ fortgesetzt werden.

Kremlsprecher Dmitry Peskow

Kremlsprecher Dmitry Peskow stellt Aufnahme von Gesprächen über die Ukraine in Aussicht (Archivbild)

Moskau hat ein Treffen von Putin mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bei einem Sicherheitsgipfel in der kasachischen Hauptstadt Astana in dieser Woche in Aussicht gestellt. Die beiden Staatschefs könnten dort zusammenkommen, sagt Präsidialamtssprecher Dmitri Peskow. Auf die Frage, ob sie dabei Erdogans Vorschläge zur Aufnahme von Gesprächen über die Ukraine erörtern könnten, sagt Peskow, dies sei möglich.

Nach den russischen Raketenangriffen hat China zur Entspannung im Ukraine-Konflikt aufgerufen. „Wir hoffen, dass sich die Lage bald deeskaliert“, sagt Außenministeriums-Sprecherin Mao Ning in Peking.