Die militant-islamistischen Taliban haben nun auch die wichtige Großstadt Dschalalabad im Osten Afghanistans übernommen. Damit verliert die afghanische
Regierung die vorletzte Großstadt.
Angesichts des raschen Vorrückens der radikalislamischen Taliban-Miliz auf Kabul hat US-Präsident Joe Biden die Zahl der US-Soldaten erhöht, die bei der Evakuierung der Botschaft in der afghanischen Hauptstadt helfen sollen. Statt der ursprünglich vorgesehenen 3000 Soldaten sollten nun „etwa 5000 Soldaten“ eingesetzt werden, um die Ausreise des Botschaftspersonals und unzähliger ziviler Ortskräfte zu sichern, erklärte Biden nach Rücksprache mit seinen nationalen Sicherheitsberatern.
„Nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben“
Biden warnte die Taliban davor, die Mission zu behindern. Angriffe auf US-Interessen würden rasch und energisch beantwortet. Erneut verteidigte der Präsident seine Entscheidung, das US-Militär nach 20 Jahren aus Afghanistan abzuziehen. Er sei der vierte US-Präsident, der die Verantwortung über diese Truppenpräsenz getragen habe, erklärte er. „Ich werde diesen Krieg nicht an einen fünften Präsidenten weitergeben.“
US-Außenminister Antony Blinken telefonierte derweil mit dem afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. Dabei sei es um Bemühungen gegangen, die Gewalt in Afghanistan einzudämmen. Die Frage ist, ob Ghani noch die Mittel dazu hat – ungeachtet der inzwischen in Kabul zu beobachtenden Präsenz von Regierungstruppen.
Hat Präsident Ghani (Bildmitte) noch die Mittel, um die Taliban zu stoppen?
Ghani kündigte eine „Remobilisierung“ der Streitkräfte an. Dies habe „oberste Priorität“, sagte er in einer Fernsehansprache. Zudem liefen „Beratungen“ mit politischen Verantwortungsträgern und internationalen Partnern über eine politische Lösung, um dem Land „Frieden und Stabilität“ zu sichern, versicherte der Präsident.
Die radikalislamischen Taliban hatten zuletzt die Stadt Masar-i-Scharif im Norden Afghanistans eingenommen. Der Vorsitzende des örtlichen Provinzrats, Afsal Hadid, bestätigte entsprechende Berichte. Soldaten der Regierung seien in Richtung der Grenze zu Usbekistan geflohen. In einem Feldlager am Rande der Stadt hatte die Bundeswehr bis zu ihrem Abzug im Juni ihr Hauptquartier für den Afghanistan-Einsatz. Und nun berichten die Agenturen, dass auch Dschalalabad in die Hände der Taliban gefallen sei. Die Hauptstadt der Provinz Nangarhar sei kampflos an die Taliban gegangen, berichteten Bewohner.
Taliban-Kämpfer in der Stadt Herat
Für die Zentralregierung ist dies ein weiterer herber Rückschlag, galt Masar-i-Scharif doch lange als Bollwerk gegen die militanten Islamisten. Nach dem Fall der zweit- und der drittgrößten Stadt des Landes – Kandahar und Herat – ist Kabul de facto die letzte Bastion der Regierungstruppen, die anderswo kaum oder gar keinen Widerstand leisteten.
Während in einigen Provinzhauptstädten gekämpft wurde, ergaben sich die Regierungssoldaten andernorts ohne Gegenwehr, wie Einwohner berichteten. Die Islamisten konnten mittlerweile mehr als 20 Provinzhauptstädte übernehmen. Die einzigen größeren Städte, die noch nicht von den Taliban kontrolliert werden, sind Gardes und Chost.
Evakuierung steht bevor
Angesichts des blitzartigen Eroberungszugs der Taliban bereitet die Bundesregierung unter Hochdruck eine von der Bundeswehr abgesicherte Evakuierungsaktion in der Hauptstadt Kabul vor. Deutsche Staatsbürger und afghanische Ortskräfte sollen zu Wochenbeginn schnell außer Landes gebracht werden, heißt es in Medienberichten.
Mittlerweile bemüht sich nicht nur Deutschland darum, afghanische Mitarbeiter in Sicherheit zu bringen. So kündigte nun auch Tschechien die Aufnahme afghanischer Ortskräfte seiner Botschaft in Kabul und seines Militärs an. „Diese Menschen haben der Tschechischen Republik gedient und wir tragen die volle Verantwortung für sie“, erklärt Außenminister Jakub Kulhanek. Die Evakuierungsflüge seien in den kommenden Tagen geplant.
ml/wa (rtr, dpa, ap, afp)